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Laurentiustränen / Sternschnuppen

LAURENTIUSTRÄNEN
von Peter Kremer

Der gestirnte Himmel über uns mit den tausend und aber tausend Lichtfunken am geheimnisvollen Dunkel des Alls ist wie der Mantel, hinter dem Gott verborgen ist. Durch das dunkelblaue Samtgewebe dieses Mantels leuchten die Fünkchen seiner Herrlichkeit in überwältigender Pracht. Dieser Anblick in der Stille der Hochsommernacht löst das Menschenherz vom Irdischen, erweckt in ihm die Sehnsucht nach dem Ewigen; es wird vom Heimweh befallen nach dem Frieden und der Herrlichkeit einer anderen Welt.
Noch ein anderes geschieht in diesen Sternennächten bis um die Mitte des Monats August. Alljährlich fallen dann Sternschnuppen in viel größerer Zahl als zu anderen Zeiten vom Himmel; besonders hell und häufig sehen wir sie um den Laurentiustag (10. August); darum gaben unsere bildkräftigen und frommen Vorfahren diesen über den Nachthimmel dahinhuschenden Meteoritenleuchtspuren den Namen Laurentiustränen. Oft schießen sie lautlos in ganzen Schwärmen dahin, das ist dann ein Laurentiusschwarm. So viele Tränen flössen aus den Augen des heiligen Papstes Sixtus II., als er von seinem Diakon Laurentius den letzten Abschied nahm, so viele Funken umsprühten den Feuerrost, auf dem Laurentius langsam zu Tode gequält wurde.
Laurentiustränen rieseln wie Feuerkaskaden vom Himmel. Dem Naturereignis gab der Volksmund die fromme Deutung. Was die Alten mit dem Kopf nicht verstanden, begriffen sie mit dem Herzen, und die Legende wob goldene Fäden und Funken in den dunklen Teppich der sichtbaren Rätsel. Die Sternschnuppen hinterlassen oft aufleuchtende lange Streifen am Himmelsgewölbe, die als glühende Gasreste darauf schließen lassen, dass sie Teile eines früheren Kometen oder Schweifsternes sind. Die Astronomen haben beobachtet, dass jedes Jahr um den 10. August die Erde auf ihrer Reise um die Sonne die Bahn eines verschwundenen Kometen kreuzt, dessen Überbleibsel sich längst seiner früheren Bahn bald mehr, bald weniger dicht verteilt haben. Für uns Erdenbewohner hat es den Anschein, als kämmen diese Reststücke aus dem Sternbild Perseus, das in diesen Tagen, abends nach Sonnenuntergang tief im Nordosten unter dem W der Kassiopeia steht, eingebettet in den schimmernden Streifen der Milchstraße. Die Wissenschaftler nennen darum diese Auguststernschnuppen auch Perseiden. Etwa alle hundert Jahre zeigen sie sich in besonderer Häufigkeit. Sie geben der Laurentiusnacht den feurigen Schein, sie vermehren die Wunderfülle der Hochsommernächte über den Kornkasten, und es genügt eigentlich ein strahlendes Kinderauge, ein reines Kinderherz, um das Wunder zu bestaunen.
Es ist gar nicht notwendig zu wissen, dass jeder dieser dahin schießenden Funken mit durchschnittlich sechzig Kilometer Sekundengeschwindigkeit auf die Lufthülle der Erde prallt und bei diesem Anstoß die benachbarten Luftteilchen entzündet und zum Aufleuchten bringt, dass die Leuchtspuren in der Spanne zwischen Aufsprühen und Erlöschen etwa hundert Kilometer hoch über uns stehen. Viel Wissen tötet die Weisheit, die Weisheit ruht in den Volkslegenden um die Tränen des heiligen Laurentius. Als der Papst Sixtus in der Verfolgung der Kirche durch den Kaiser Valerian sich in den Katakomben verborgen halten musste, war der Diakon Laurentius sein Bote zwischen dem Untergrund der Katakomben und der Christengemeinde droben in der Stadt Rom. Waren die beiden Männer auch verschieden im Alter und in der Würde, so waren sie doch im Geiste ein Herz und eine Seele, und eine tiefe Freundschaft verband den Träger der Tiara mit dem Jüngling. Laurentius war unermüdlich unterwegs zwischen Papst und Gemeinde, zwischen den Gefängniszellen und den Christenhäusern, zwischen Begräbnis und heiligem Opfer. Er war der Almosenverteiler, er betreute die Armen und Kranken; er warnte, tröstete, betete und half in jeder Not. In seiner Jünglingsgestalt war die Kraft des Urchristentums gesammelt, so wie ein Brennglas alle Sonnenstrahlen einfängt und sammelt. Als er eines Tages in des Papstes Versteck kam, fand er dort bloß dunkle Blutspuren und fünf neue Grabnischen. Die Häscher hatten Sixtus und vier Diakone bei der Opferfeier überrascht und sogleich mit dem Schwert erschlagen. Schon am Tage danach wurde auch Laurentius erkannt und festgenommen. Weil das Gerücht ging, die Christen hätten große Schätze an Gold und Silber unter der Erde verborgen und man den Diakon Laurentius für den Verwalter dieses Hortes hielt, fragte der Richter ihn zuerst nach dem Versteck der reichen Schätze. „Lasst mir drei Tage Zeit“, sprach der Jüngling, „dann will ich euch den Schatz der Christen herbeischaffen.“ Nach Ablauf der Frist zeigte er dem Richter diesen Schatz: eine Schar von zerlumpten, ausgehungerten, gebrechlichen Bettlern und Greisen, Krüppeln und Kindern hatte er gesammelt. „Dies ist der Schatz der Kirche“, sprach er zu dem Richter, der ihn, weil er sich verhöhnt wähnte, sofort zum Tode verurteilte.
Auf einem glühenden Eisenrost wurde er langsam zu Tode gemartert. Lebendigen Leibes wurde er gebraten; drei Tage lang dauerte die furchtbare Qual seines Sterbens. Ist es nicht ein Zeugnis höchster christlicher Fröhlichkeit, was die Legende dazu erzählt? Laurentius habe die Grässlichkeit der Marter unterbrochen und den Henker lächelnd gebeten, er möge ihn jetzt auf die andere Seite drehen, auf der einen sei er genug gebraten. Hier liegt auch der Ursprung seiner Patronschaft für Winzer und Wein. Der August ist der Bratmonat der Trauben, und wie der Jüngling Laurentius auf dem glühenden Eisenrost gebraten wurde, so muss in diesen Tagen und Wochen die Weintraube auf der Glut des Schiefergesteins von allen Seiten braten, damit sie gleich jenem edelste Reife gewinnen kann. Sankt Laurentius ist einer der ältesten und volkstümlichsten Weinheiligen, sein Bild steht in vielen Ahr- und Moselkirchen. Am 10. August wird es mit den ersten reifen Trauben geschmückt.
In der Stadt Trier, dem Tor zum Weinlande, trägt die vornehmste Pfarrei den Namen Sankt Laurentius, in den Weinstädten Saarburg und Ahrweiler erheben sich alte Laurentiuskirchen, und seit frühchristlicher Zeit steht inmitten der unabsehbaren Parade der Rebstöcke des Trittenheimer Laurentiusberges sein Moselheiligtum, die Laurentiuskapelle; malerisch ist ihr Baukörper mit dem tief herabgezogenen Schieferturm ins Grün des Reblaubs gestellt. Jeder Moselfahrer kennt das Bild, das um die weite Flussschleife lange im Blickpunkt verweilt. Einsamkeit brütet heute um die Trittenheimer Laurentiuskapelle; einst war sie wohl die Pfarrkirche der umliegenden Winzerdörfer, von hüben und drüben führen alte Wege steil zu ihr auf. Der Laurentiustag ist für die Winzer ein wichtiger Lostag. Er entscheidet über den Herbst, über die kommende Weinernte, über die Güte des neuen Jahrgangs. Viele Wetter- und Winzersprüche verkünden es. Sengendes Sonnenfeuer wünschen sich Bauer und Winzer. Sankt Laurenz heißt auch „der erste Herbstbruder“. Die gelben Stoppelfelder verkünden die Nähe des Herbstes, und schon färben sich die Fruchtteller der Ebereschen an den Höhenstraßen rot wie die Glut des Eisenbettes, auf dem Laurentius lag. Die Laurentiustränen sind auch die Abschiedstränen des Sommers. Als der Jüngling auf dem Bratrost litt, erzählt die Legende, da habe er im Geiste den Apostel Bartholomäus geschaut, wie dieser, um die Qual schneller zu endigen, das Feuer unter dem Marterlager geschürt habe. Witzig habe Laurentius da gerufen: „Schür, Barthel, schür; in vierzehn Tagen ist’s an dir!“ So nahe stehen heute ihre Feste beieinander im Kalender, und der Volksmund hat sie noch einmal vereint in dem Wetterspruch: Wie Laurenz und Barthel sind, so wird der Herbst, sei’s rauh, sei’s lind!
Wer die Laurentiustränen vom Himmel fallen sieht, hat einen Wunsch frei, der in Erfüllung gehen soll. Was sollen wir uns wünschen, wenn wir sie in diesen Nächten aufleuchten sehen? Dass uns das himmlische Feuer ausglühen und ausreifen möge zu einer Edelfrucht Gottes!

Quelle: http://www.kreis.aw-online.de/kvar/VT/hjb1968/hjb1968.42.htm