Dies und DasDies und Das

Die Schale des Bettlers

Auf seinem Morgenspaziergang traf ein König auf seinen Bettler. Da er gut gelaunt war, sagte er zu ihm: „Verlange, was Du willst, und Du sollst es bekommen!“

Der Bettler lächelte. „Solch ein Angebot solltest Du Dir reiflich überlegen. Woher weißt Du denn, dass Du alle Wünsche eines Menschen erfüllen kannst?“ Hochmütig antwortete der König: „Ich bin der Herrscher dieses Reiches. Was solltest Du schon verlagen, das ich Dir nicht geben könnte?“ – „Das ist ganz einfach, fülle meine Schale!“ Sogleich rief der König seine Diener und befahl ihnen die Schale des Bettlers mit Goldstücken zu füllen. Aber zum Erstaunen aller verschwanden die Münzen, sobald sie den Boden des Gefäßes berührten.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass der Herrscher nicht im Stande war, die Schale eines Habenichts zu füllen. Deshalb ließ der König seine Minister rufen: „Selbst wenn ich hier all meinen Reichtum verlieren sollte, so kann ich es nicht zulassen, von diesem Bettler der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.“

Und sie füllten die Schale mit allem, was sich an Wertvollem auftreiben ließ, Geld, Perlen, Saphire, Diamanten und Smaragde. Doch die Schale blieb bis zum Abend leer. Eiene große, staunende Menschenmenge hatte sich um den Bettler versammelt. Da warf sich der König dem Bettler zu Füßen: „Du hast gewonnen“, sagte er ihm, „aber erklär mir wenigstens, woraus diese Zauberschale gemacht ist.“ – „Diese Schale ist ein menschlicher Schädel“, antwortete ihm der Bettler. „Sie enthält alle Wünsche des stets unzufriedenen und unersättlichen Menschen. Deshalb bleibt sie immerzu leer.“

Parabel aus Zentralasien