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Das Jim-Kopf-Syndrom – oder die “Scheinriesen”

Während einer meiner letzten Aufstellungen ist etwas interessantes passiert. Es ging um Ängste. 

Natürlich konfrontiert man sich nicht gern mit seinen Ängsten. Je mehr man sie verdrängt, je größer werden sie. Schon allein deshalb gibt es in der Verhaltenstherapie das „Flodding“, bei dem man den Angstpatienten mit seiner größen Angst (z.B. Vogelspinne) konfrontiert. Dabei erkennt der Patient, dass ihn die Angst nicht umbringt und auch nichts wirklich schlimmes passiert. 

Im Rahmen dieser Aufstellung stand weit entfernt die Angst (bzw. der Stellverteter für die Angst) und war für den Aufsteller RIESIG und gewaltig belastend. Das löste natürlich wieder Ängste, Unwohlsein und Panikgefühle aus. Nun galt es aber, sich mit der Angst zu konfrontieren und ich bat den Stellvertreter für die Angst näher an die Hauptperson heranzukommen. Und da geschah es: Die Angst war ein „Scheinriese“….. 

Der Scheinriese ist eine Figur aus:  Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Die beiden sind in dieser Geschichte in der Wüste in einer verzweifelten Lage, als sie in der Ferne am Horizont einen bedrohlichen Riesen erblicken. Um jedoch diese Chance auf Hilfe nicht auszulassen, nehmen die beiden ALLEN MUT zusammen und gehen auf die Gestalt zu. Es stellt sich heraus, dass der Riese, Herr Tur Tur, ein Scheinriese ist: Er erscheint nur aus der Ferne groß und ist deswegen ein sehr einsamer Mensch. Als die beiden Herrn Tur Tur direkt gegenüberstehen, ist der vermeintliche Riese normal groß. (Je näher, desto kleiner) Jim Knopf und Lukas erhalten von Herrn Tur Tur nicht nur die erhoffte Hilfe in der Not, sondern gewinnen die Freundschaft des Scheinriesen dazu.


Im Alltag und wirklichen Leben treffen wir alle immer wieder auf „Scheinriesen“. Auch in dieser Aufstellung zeigte sich, je näher die Angst kam, desto kleiner wurde ihr Einfluss auf die Hauptperson. Zum Schluß standen Sie sich Nase-an-Nase gegenüber und die Erkenntnis war: „Hey, das ist überhaupt nicht schlimm! Warum habe ich mich nur so verrückt gemacht und habe dem soviel Macht gegeben?“
Die Verdrängung und die Angst vor der Angst (Konfrontation damit) halten uns leider immer wieder davon ab, uns unsere Ängst mal genau anzusehen. Dann wird der „Herr Tur Tur“ größtenteils ganz klein und dann können wir dieses freigesetzte Potential endlich für unser Vorankommen nutzen.  Trauen Sie sich und gehen auf Herrn Tur Tur zu. Sie werden überrascht sein 🙂
Die Geschichte ist übrigens nachzulesen in den Kapitel sechzehn und siebzehn in Michael Endes Buch „Jim Knopf, und Lukas der Lokomotivführer“.