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Der Jakobsweg

Ist Pilgern eine Modeerscheinung oder steckt eine echte Suche dahinter? 

Wie schon vor einigen Jahren Paulo Coelho mit seinem Buch „Auf dem Jakobsweg“ machte nun auch Hape Kerkeling mit seinem (wie er immer gerne betont :-)) Bestseller „Ich bin dann mal weg“ das Pilgern – vor allem auf dem Jakobsweg – populär. Doch was steckt dahinter? Ist Pilgern jetzt „IN“, nur weil ein Promi es ausprobiert und darüber geschrieben hat? Es scheint tatsächlich ein Trend geworden zu sein – denn in Kürze erscheint ein neues TV-Format, in dem weitere „Promis“ im Auftrag des Senders 3-4 Wochen auf dem Jakobsweg in Spanien unterwegs sind und mit Kameras begleitet werden. Hat das noch was mit Pilgern zu tun??? Wenden wir uns dem Otto-Normal-Pilger zu. Was treibt einen Menschen dazu, tage- bzw. wochenlang jeden Tag einen kilometerlangen Fußmarsch hinzulegen? Ist es Nervenkitzel, nicht zu wissen, ob man am Abend überhaupt noch ein Bett in einer Pilgerherberge bekommt? Ist es Selbstkasteiung, bei Wind, Regen und stechendem Sonnenschein mit Blasen an den Füßen und Muskelkater sich von Ort zu Ort zu schleppen? Oder ist es die Suche nach Grenzen und Erkenntnissen?

Die Gründe sind unterschiedlich. Da gibt es zum einen den modernen Menschen, der das Pilgern als sportliche Herausforderung sieht. Zum anderen suchen Menschen auf dem Jakobsweg aber auch nach der eigenen Spiritualität und Religiösität. Wieder andere bewegen gesundheitliche Probleme oder überwundende Krankheiten dazu, diesen Weg als Symbol der Dankbarkeit an das Leben zu gehen (oder wollen Sie ein Stück Sicherheit im eigenen Körper spüren?). Viele sehen sich aber auch einfach danach, aus dem reizüberflutetem Alltag mit dem Überangebot an Ablenkung und Informationen auszusteigen. Wie ist das Alleinsein? Welche Menschen trifft man unterwegs? Findet man dort seine Mitte und einen Sinn? Spricht man vom Jakobsweg, denkt fast jeder an die Route zur nordspanischen Stadt Santiago de Compostela, wo das Grab des Apostels Jakobus liegen soll. Seit Jahrhunderten pilgern Christen zu diesem Wallfahrtsort. Die Pilgerroute ist durch den uralten Wegweiser gekennzeichnet: Die Jakobsmuschel. Das weiße oder gelbe Muschelsymbol ist an Hauswänden, in Kirchen und Straßenkreuzungen zu finden und zeigt die Richtung an. Natürlich reizt die Route im spanischen Gebiet allein wegen der Wetterbedingungen. Nur sollte man außerhalb der Ferien dort wandern, sonst könnte man den mystischen Pilgerpfad als überlaufenen Touristenwanderweg erleben. Aber was einige nicht wissen: Jakobspilger tifft man nicht nur in Spanien, sondern auch hier in Deutschland werden die Wege wiederentdeckt. Die Pilgerpfade haben ihren Ursprung in alten Handelsrouten aus dem Mittelalter. Der westfälische Jakobsweg beginnt z.B. in Münster. Viele deutsche Wege werden gerade neu belebt und sollen ausführlich beschildert werden. Sie entsprechen zwar nicht immer den historischen Strecken, da die Wege der mittelalterlichen Pilger heute oft Schnellstraßen oder Autobahnen sind, aber die Streckenführung orientiert sich an Fernwanderwegen und Naturpfaden und führen recht nah an den ursprünglichen Wegen vorbei und verbinden historische Orte. Die St.-Jacobi-Kirche in Hamburg wurde z. B. dem Schutzheiligen Jakobus geweiht und war Anlaufstelle für die Pilger, sich hier den Segen zu holen. Einige Abschnitte, etwa die Strecke zwischen Stade und Bremen, sind bereits ausgeschildert. Der Süden Deutschlands ist mal wieder Vorreiter. Die Jakobsmuschel findet sich dort bereits auf dem 270 Kilometer langen Jakobsweg von der tschechischen Grenze über Regensburg nach Donauwörth. Der schwäbisch-fränkische Weg führt von Rothenburg bis Ulm. Gleich zwei Wege führen von Speyer zum Kloster Hornbach in der Pfalz.

Was spricht nun für die deutschen Pilgerpfade? Wer als Berufstätiger nur begrenzt Urlaub hat, kann hier gut mal eine dreiwöchige Strecke wandern. Die kurzen Etappen in Deutschland können eine gute Vorbereitung für längere Strecken sein. Auch hier sind nicht nur Deutsche unterwegs, auch hier kann man Langstrecken-Pilger treffen.

Eine Bekannte aus Österreich machte sich 2005 für 6 Wochen auf den spanischen Weg. Ich bewundere sie zutiefst. Sie sagte: Die ersten Tage waren hart. Muskelkater, Blasen an den Füßen, der Wunsch nach dem eigenen Bett, die Erschöpfung, der schwere Rucksack und die vielen kreisenden Gedanken. Aber dann wurde es von Tag zu Tag besser. Das gleichmäßige Gehen hatte etwas Beruhigendes – ja schon fast Meditatives. Es beruhigte die Gedanken, machte den Kopf frei und leer und die Sinne öffneten sich der Natur, Kultur und den interessanten Begegnungen. Sie wanderte pro Tag bis zu 25 Kilometer und gönnte sich in 6 Wochen nur zwei Tage Ruhe – mehr war nicht nötig. Sie war mit einer Freundin unterwegs. Anfangs gingen sie noch nebeneinader, doch mit der Zeit wurde der Abstand zwischen Ihnen größer. Denn jede genoss es, allein zu gehen und empfand es als große Freiheit. Sie traf Menschen aus allen Nationen und jeden Alters und hörte viele Lebensgeschichten. Heute sagt sie: Jetzt weiß ich, dass ich mich auf mich verlassen kann. Dass ich etwas schaffen kann. Ich ruhe mehr in mir selbst und vertraue mir. Und? Wann treffen wir uns auf dem Pilgerpfad???

 :-))Übrigens: Für die lippischen Leser: Kennt Ihr die 226 Kilometer lange Wanderetappe von Rheine über das Hermannsdenkmal zum Velmerstot nach Marsberg? Die „kurze“ Etappe hier bieten die Hermannshöhen. Von der Grotenburg (dem Berg auf dem das Hermannsdenkmal steht) aus führt der besondere Weg auf dem Kamm des Teutoburger Waldes, der manchmal nur ein paar Meter breit ist. Wer sich auf den Höhen umsieht, entdeckt mancherlei Zeichen an den Bäumen und auf Schildern. Auch ein „H“ ist zu entdecken. Doch dabei handelt es sich nicht etwa um das nächste stille Örtchen für Herren, sondern um den ehemaligen Hermannsweg. Er heißt heute „Hermannshöhen“. Weil der Blick oft weit schweifen kann. Besonders von einer der schönsten Etappen aus, dem Weg vom Hermannsdenkmal zum Velmerstot, übrigens der höchten Erhebung des Weges. Vom Hermann aus geht es erstmal bergab in der Nähe des Café Hangsteins vorbei. Vorbei geht es auch am Vogelpark und der Adlerwarte. Von Berlebeck aus, an der Falkenburg vorbei, geht es in Richtung Gauseköte. Nächste Station sind die Externsteine. Endstation dieser Etappe ist der Velmerstot. Aber es ist nicht das Ende der Hemannshöhen. Ein Weg, quer durch den Naturpark Eggegebirge und südlicher Teutoburger Wald, der Wanderer und Naturliebhaber gleichermaßen auf ihre Kosten kommen läßt. Eine Region voller Kultur und Gesundheitsangeboten.